Der Brief
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Nachtfalter
***3 Wochen ging das nun schon so. Jeden Abend. Immer und immer wieder. Merkte es denn niemand? Warum unbedingt ich? Was hatte ich ihm denn getan? Ich war doch nicht schuld an dem was passiert war. Wiedereinmal lag ich in meiner Hängematte. Schaute auf die Uhr. Immer und immer wieder. Von Minute zu Minute wurde meine Angst größer. Auf meiner Stirn sah man Schweißperlen. Angstschweiß. Da, ein poltern auf der Treppe. Er kam. Ich konnte kaum noch atmen vor Angst. Mit einem mal flog die Tür auf. Er war da. Schnaubend lief er auf mich zu und gab der Hängematte einen Tritt so dass ich herausfiel. Dann riss er mich am Arm hoch und schleuderte mich auf einen Stuhl. Ich konnte mich nicht rühren. Die Angst lähmte. Saß steif auf dem Stuhl. Dann, der erste Schlag. Auf die Wange. Jetzt die andere. Doch das genügte ihm noch nicht. Er ballte die Hand zu einer Faust. Ein Schlag auf die Nase. Blut pritzte heraus. Einige Minuten des Grauens später hörte er auf. Bevor er ging sagte er noch einmal dass ich es niemandem sagen sollte denn das würde ich nicht überleben. Während ich das sagte roch ich deutlich seine starke Fahne. Unter starken Schmerzen hiefte ich mich aufs Bett. Das Blut lief noch immer. Wollte ich so eigentlich noch weiterleben? Nein, zumindest nicht bei ihm. Ich zuckte zusammen. Starke Schmerzen. Was war das? ETwas weißes. Ein Schmetterling? Nein. Ein Nachtfalter. Er flog Richtung Fenster. Richtung Licht. Kam zurück und setzte sich auf meine Nase. Ich spürte ihn kaum. Die einzige Berührung die nicht schmerzte. Wieder Richtung Licht. Ich stand auf und öffnete das Fenster. Er flog hinaus in die dunkle Herbstnacht. Ja, er war Frei. Frei in der lauwarmen Luft der dunklen Herbstnacht.

Starke Schmerzen. Stärker als Gestern. Wieder war er da gewesen. Voller Wut und Hass. Auf mich? Da war er wieder. Der Nachtfalter. Mit seinen weißen weißen Flügeln. Er war wunderschön. Wunderschön und frei. Schmerzlos. Wurde nicht geschlagen. Ich wollte das nicht mehr. Doch was tun? EIn neues Leben beginnen. Wo? Woanders. Wartete bis er schlief. Lautes Schnarchen. Leise kletterte ich durch das Fenster nach draußen. Wohin jetzt? Weg, einfach weg. Wie blind lief ich die Straße entlang. Immer schneller bis ich beinahe rannte. Kalter Herbstwind zerzauste mein Haar. Zerrte an meiner dünnen Kleidung. Mir war kalt doch ich lief weiter. Möglichst weit weg von Zuhause. Von ihm. Von dem schmerz. Dem Ort des Grauens. Die Füße schmerzten. Wollten mich nicht mehr tragen. Muss weiter. Lief bis zu einem Supermarkt in der nähe vom Bahnhof. Versuchte zu schlafen. Es ging nicht. Es war zu kalt. Stand wieder auf und lief zu einer Tankstelle. Sah mich dort um und kam wieder raus. Eine Whiskey Flasche unterm Shirt. Unbemerkt. Zurück zum Supermarkt. Ich legte mich auf den Lüftungsschacht aus dem warme Luft kam.Trank aus der Flasche bis mir warm wurde. Wohlige wärme. Nun winkelte ich die Beine an, schloss die Augen, schlief ein.

Der nächste Morgen. Und wieder bittere kälte. Bald schon würde der Winter kommen. Hatte er mein Verschwinden schon bemerkt? Musste raus. Raus aus dieser Stadt. Lief zum Bahnhof. Ein Zug. Ich stieg ein und versteckte mich auf der Toilette. Angekommen. In einer anderen Stadt. Ein Neuanfang? Wo war ich? Egal. Ich schlenderte über den Bahnhof. Dort. Waren das Obdachlose? Würden sie mich aufnehmen? Lief zu ihnen. Tatsächlich. Sie nahmen mich auf. Gemeinsam mit einem von ihnen schlenderte ich durch die Straßen. kamen an einen Park. Sollte hier warten während er essen besorgte. Eine Schaukel. Hin und her. Während ich schaukelte versank ich in einem Loch. Ein Gedankenloch. Warum war sie von uns gegangen? War er deswegen so wütend? Was konnte ich dafür? War ich schuld? Würde auch ich gehen? Zu ihr? Wie sollte mein Leben weitergehen? Konnte sie mich sehen? Mein Leid? Mein Elend? War das Schicksal? Sollte es so sein? Musste ich weiter Leiden? Wie viel Zeit hatte ich noch? Tausend Fragen und keine Antwort. Er kam wieder. Rief meinen Namen. Nachtfalter. So nannten sie mich. Immer war er bei mir, der weiße Nachtfalter. War mit mir gegangen. Der Junge hatte einen Apfel dabei. Dazu noch die angebrochene Flasche Whisky. Unsere heutige Mahlzeit. Als es dunkel wurde legten wir uns dicht beieinander hinter ein großes Gebüsch. Wärmten uns gegenseitig. Er war nett. Sehr nett. Da kam wieder der Nachtfalter. setzte sich auf mein Ohr. Wir schliefen ein.

Ich schlug die Augen auf. Zwei glasklare grüne Augen. Sie schauten mich an. In ihnen war Angst. Angst, Trauer, Hunger, Sehnsucht. Von allem etwas. Seine Hand strich durch mein struppiges Haar. So zärtlich. Ich mochte ihn. Mochte ihn sehr, liebte ihn. Mein Kopf lag auf seiner Brust. Er war dünn. Abgemagert. Narben im Gesicht. Woher? Unsere Gesichter. Die Lippen. Sie näherten sich. Augen gingen zu. Mein erster Kuss. Vorbei. Er sah mich an. Hielt mich im Arm. Musste dann los. Essen holen. Ich ging mit. Ein Mülleimer hinter einerGaststätte. Nur ein altes Stück Pizza. Wir teilten es. Jeder etwas. Es folgten Tage voll Hunger. Langsam gewöhnte ich mich an das wenige Essen. Manchmal hatten wir nichts. Meist Abfälle. Für uns Lebenswichtig. Waren nicht mehr allein. Hatten uns gefunden. Liebten uns. Vertrauen. Oft dachte ich nach. Er kannte meine Geschichte. Ich seine. Es war mir schwergefallen von dem geschehenen zu berichten. Viele Tränen. Er hatte mich getröstet. Ohne ihn... Ich würde nicht mehr leben. Er machte es erträglich. War ich traurig munterte er mich auf. Ich ihn ebenfalls.

November. Der erste Schnee. Klirrende Kälte. Wir hielten uns im Arm. Wärmten uns gegenseitig. Eine kleine Bushaltestelle. Unsere Übernachtungsstätte. Seit Tagen. Hatten uns einige Decken gestohlen. Auch einen Schlafsack. Er liebte mich. Überließ ihn mir. Wollte das es mir gut geht. Dachte mehr an mich als an sich selber. Noch war der Nachtfalter immer bei uns. Würde er den Winter überstehen? Und wir? Da war sie wieder. Die Angst vor dem Tot. Als ich noch zuhaus war, bei ihm. Ja, da wollte ich sterben. Doch nun? Hier? ich wollte ihn nicht allein lassen. Die anderen. Sie hatten uns fallen lassen. Weil wir glücklich miteinander waren. Ich verstand sie nicht. Starke dürre Arme. Er spürt meine Angst. Drückt mich näher an sich. Küsst mich. Eine warme Welle aus der Bauchgegend. Glück. Seit ihrem Tot fühlte ich selten Glück. Nur mit ihm. Wenn wir uns küssten. Beisammen waren. Alles um uns herum vergaßen. Dann wurde es wieder kälter. Immer mehr Schnee. Gemeinsam krochen wir in den Schlafsack. Unter die Decken. Tranken einen starken Schnaps um uns zu wärmen. Schmiegten die Gesichter aneinander. Der Nachtfalter setzte sich auf meine Stirn. Noch einmal küssten wir uns. Verhakten die Hände. Wussten nicht das dies unser letzter. Ja, allerletzter Kuss sein sollte. Für immer!

Am nächsten Tag lagen in einer kleinen Bushaltestelle zwei Teenager. Dicht aneinander gekuschelt in einem Schlafsack und einigen Decken. Auf der Stirn des Mädchens ein weißer Nachtfalter. Sie sind tot. Erfroren in einer kalten Novembernacht.***